Das Abenteuer beginnt

Der Anfang war eindeutig.

Ein grauer Morgen, irgendwo zwischen zu viel Kaffee und zu wenig Schlaf, als Bölli den alten Land Rover startete. Der Motor klang, als hätte er selbst schon mehrere Lebenskrisen hinter sich, fing sich dann aber – wie so oft.

„Das ist kein Geräusch“, sagte Jörg Heinrich und legte seine Gitarre vorsichtig auf den Rücksitz. „Das ist ein Hilferuf.“

„Das ist Charakter“, widersprach Bölli und griff zum Cajón, als wäre es ein Sicherheitsgurt für die Seele.

Sie waren beide keine sechzig, aber alt genug, um zu wissen, dass Pläne oft überschätzt wurden. Und jung genug, um trotzdem loszufahren.

Frankreich war die Richtung. Nicht das Ziel.

Auf dem Dach des Land Rovers thronte Bölls Dachzelt wie eine kleine Festung. Jörg Heinrichs Wurfzelt hingegen lag im Kofferraum – ein Gegenstand, der laut Verpackung „in Sekunden aufgebaut“ war und in der Realität meist zu einem philosophischen Problem wurde.

„Ich glaube, das Ding mag mich nicht“, sagte Jörg Heinrich später am ersten Abend, während er versuchte, das Zelt in eine Form zu bringen, die nicht wie ein kollabierender Fallschirm aussah.

Bölli saß schon oben, die Beine baumelten aus dem Dachzelt, und spielte einen ruhigen Rhythmus.

„Du musst es fühlen“, rief er runter.

„Ich fühle vor allem Verzweiflung“, murmelte Jörg Heinrich.

Am Ende blieb das Zelt halb offen, halb beleidigt, und Jörg Heinrich darin wie ein Kompromiss.

Am nächsten Morgen standen sie irgendwo in einem Meer aus Lavendelfeldern. Der Duft lag schwer in der Luft, als hätte jemand beschlossen, die Welt für einen Moment weicher zu machen.

Jörg spielte.

Bölli klopfte den Rhythmus auf seine Cajón, erst vorsichtig, dann sicherer, dann mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Kindheit und Gegenwart lag.

Es war keine perfekte Musik und sie war echt.

Ein älterer Mann blieb stehen, hörte zu, nickte, sagte nichts und ging weiter.

„Weißt du“, sagte Bölli später, „ich glaube, darum geht’s.“

„Um was?“

„Dass man nicht alles erklären muss.“

Sie fuhren weiter. Kleine Straßen, große Himmel, Orte ohne Namen. Manchmal verliefen sie sich. Manchmal absichtlich.

Einmal landeten sie auf einem Campingplatz, der eher aussah wie ein vergessenes Festival aus den Achtzigern. Menschen tanzten barfuß, jemand spielte Akkordeon, jemand anderes grillte etwas, das definitiv einmal Gemüse gewesen war.

Jörg zog die Gitarre raus.

Bölli setzte sich dazu.

Und plötzlich waren sie Teil davon.

Kein Plan, kein Ziel, nur Rhythmus und Stimmen, die sich fanden.

Spät in der Nacht, als die Gespräche langsamer wurden und das Feuer nur noch glühte, saßen sie nebeneinander.

„Hast du manchmal das Gefühl“, fragte Jörg leise, „dass wir zu spät dran sind für solche Sachen?“

Bölli klopfte gedankenverloren ein paar Schläge auf die Cajón.

„Nee“, sagte er schließlich. „Ich glaube, wir sind genau rechtzeitig.“

Eine Pause.

„Für was genau?“

Bölli grinste.

„Für den Teil, wo es nicht mehr darum geht, irgendwo anzukommen.“

Am nächsten Morgen fuhren sie weiter.

Ohne Karte.

Ohne Ziel.

Aber mit Musik, die irgendwo zwischen ihnen entstand – auf staubigen Straßen, unter offenen Himmeln, zwischen Momenten, die nicht geplant waren und genau deshalb blieben.

Und wenn man sie irgendwo gesehen hätte – diesen alten Land Rover, das Dachzelt, das widerspenstige Wurfzelt – hätte man vielleicht gedacht: Zwei Männer auf einem Roadtrip.

Aber in Wirklichkeit waren es zwei Freunde, die endlich verstanden hatten, dass das Abenteuer nicht vor ihnen lag.

Sondern genau da war, wo sie gerade waren.

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