Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

Man könnte meinen, ihre Reise hätte irgendwann enden müssen.
Jede Straße hört schließlich auf, jeder Tank wird leer, jedes Wurfzelt gibt irgendwann auf – meistens genau dann, wenn man es am dringendsten braucht.

Aber bei Jörg und Bölli war das anders.

Nicht, weil sie ewig unterwegs waren.
Sondern weil sie irgendwann aufhörten, nach einem Ende zu suchen.

Der Land Rover hatte inzwischen neue Geräusche dazugelernt. Eine Art metallisches Klackern beim Anfahren, das Jörg liebevoll „Percussion-Upgrade“ nannte. Bölli widersprach nicht mehr. Er hatte akzeptiert, dass dieses Auto weniger ein Fahrzeug war als ein drittes Bandmitglied.

Das Dachzelt quietschte im Wind wie eine alte Geige.
Das Wurfzelt… nun ja. Es existierte noch. In einem Zustand, den man am besten als „emotionale Skulptur“ beschreiben konnte.

Eines Abends standen sie an der Atlantikküste. Der Himmel brannte in Orange und Rosa, das Meer rauschte wie ein endloser Applaus für nichts und niemanden.

Jörg spielte.

Leise diesmal. Weniger Akkorde, mehr Zwischenräume.

Bölli saß auf der Cajón, aber er spielte nicht sofort. Stattdessen hörte er zu. Wirklich zu. Nicht nur der Musik, sondern dem Wind, den Wellen, dem Knacken des Holzes unter ihm.

Dann setzte er ein.

Ein Herzschlag.
Mehr nicht.

Und es reichte.

„Weißt du noch“, sagte Bölli nach einer Weile, „wie wir früher immer dachten, wir müssten irgendwo hin?“

Jörg nickte. „Ja. Karriere, Ziele, Pläne… große Sachen.“

„Und jetzt?“

Jörg sah aufs Meer hinaus.

„Jetzt denke ich, es war nie falsch“, sagte er langsam. „Aber es war auch nie alles.“

Bölli grinste. „Tief. Fast schon verdächtig tief.“

Jörg lachte. „Passiert, wenn man zu lange ohne WLAN ist.“

Sie schwiegen. Und das war kein leeres Schweigen.

Es war eines von diesen seltenen, vollen Schweigen, in dem nichts fehlt.

Später holte Bölli aus einer Tasche zwei belegte Brote.
„Abendessen.“

Jörg sah sie an. „Was ist drauf?“

„Wurst.“

Jörg nahm einen Bissen, kaute, nickte anerkennend.
„Klassiker.“

Bölli lehnte sich zurück, sah in den Himmel, der langsam dunkler wurde.

„Weißt du“, sagte er, „alles hat ein Ende…“

Jörg verdrehte die Augen. „Jetzt kommt’s.“

„…nur die Wurst hat zwei.“

Eine Pause.

Dann mussten beide lachen. Dieses ehrliche, etwas zu laute Lachen, das man sich nicht mehr abgewöhnt, wenn man älter wird.

„Ist eigentlich ein bescheuerter Spruch“, sagte Jörg.

„Ja“, sagte Bölli. „Aber irgendwie stimmt er trotzdem.“

Jörg sah ihn an. „Inwiefern?“

Bölli zuckte mit den Schultern.
„Na ja… Sachen hören auf. Reisen, Tage, Momente. Aber manche Dinge…“
Er klopfte leicht auf die Cajón.
„…die haben halt mehr als ein Ende. Oder mehr als einen Anfang.“

Jörg dachte darüber nach. Dann griff er wieder zur Gitarre.

„Also spielen wir einfach weiter?“

Bölli nickte.

„Wir spielen einfach weiter.“

Die Nacht legte sich um sie wie eine Decke, irgendwo bellte ein Hund, das Meer blieb wach.

Und während ihre Musik sich in den Wind mischte, war klar:

Diese Reise würde irgendwann enden.
Natürlich.

Der Tank würde leer sein.
Das Wurfzelt würde endgültig kapitulieren.
Vielleicht würde sogar der Land Rover beschließen, in Würde auseinanderzufallen.

Aber das hier –
dieses Zusammenspiel, dieses Unterwegssein, dieses gemeinsame Lachen über schlechte Sprüche und gute Momente –

das hatte mehr als ein Ende.

Oder vielleicht gar keins.

Und so spielten sie weiter.

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